Über Niederrheinischer Turnverband Kempen e.V.

Geschichte

Wer die Entstehung der Vereine, den damaligen turnerischen Geist, verstehen will, muss zurückgehen zu den  Anfängen der Turnbewegung an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Bis dahin waren Leibesübungen mehr oder weniger in zwei Strömungen  feststellbar:

 

1) im feudalen Lebenskreis  (Jagen - Fechten - Schiessen - Reiten - Tanzen)

 

2) bei Bürgern und Bauern  (Spiele - Ringen - Laufen - Werfen - Springen)

 

Erst im Zeitalter der Aufklärung  und der beginnenden Romantik kommt es in den Schulen zu ersten Ansätzen einer  täglichen Bewegungszeit mit einem vielseitigen Übungsprogramm. Pädagogen wie  Pestalozzi, Basedow, Guts-Muths waren Wegbereiter der schulischen  Leibeserziehung.

 

Den Leibesübungen zu  Volkstümlichkeit und Lebensfähigkeit zu verhelfen, sollte Friedrich Ludwig Jahn  (1778 - 1852) vorbehalten bleiben.

 

Man muss wissen, dass Europa zu  Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend unter der Herrschaft Napoleons I. stand.  Die Vaterlandsliebe bei den unterdrückten Völkern wurde angefacht, die Begriffe  Volk und Volkstum standen hoch im Kurs. Weil er den Leibesübungen eine  vaterländische Aufgabe gestellt, sie mit der Pflege des Volkstums verbunden und  über den Rahmen der Schule hinaus zu allgemeinen Turnen erweitert hat, wurde  Jahn zum "Turnvater Jahn"

 

Übrigens erfand Jahn das Wort  "Turnen". Ironie des Schicksals: von Jahn als "deutscher Urlaut" aufgefasst, ist  das Wort tatsächlich aus dem Romanischen entliehen (lat. tornare, frz. tourner =  drehen, wenden).

 

Zwar unter verschiedenen  Voraussetzungen, aber zur gleichen Zeit, entstanden in drei Ländern Europas  Einrichtungen zu einer umfassenden Volkserziehung, in denen ganz bewusst den  Leibesübungen ein entscheidender Anteil zuerkannt wurde. In Deutschland war es  die Turnbewegung, in England die Sportbewegung, und in Schweden wurde die  Gymnastik eingeführt.

 

1811 eröffnete Jahn in der  Hasenheide in Berlin den ersten deutschen Turnplatz, um dort mit seinen Schülern  Jugendspiele und einfache Turnübungen zu betreiben. Dazu gehörte auch das  Wandern im Feld und Wald. Eine Turngemeinde, die sich selbst verwaltete und in  die jedermann eintreten konnte, war etwas ganz Neues. Bisher wurde nur in den  Erziehungsheimen und in einigen Schulen geturnt.

 

So wurde die Berliner  Turngemeinde zum Vorbild für alle nachfolgenden. Sechs Jahre später, also 1817,  gab es allein in Preußen schon 84 Turngemeinden.

 

Nach einem politischen Attentat  wurde 1819 die Ausbreitung der Turnbewegung gestoppt, das Turnen in Preußen  verboten und Jahn verhaftet. Die sogenannte "Turnsperre" wurde erst 1842 wieder  aufgehoben. Die von Jahn, der bis 1825 im Gefängnis bleiben musste, ausgestreute  Saat begann zu keimen.

 

Im rheinischen Raum entstanden  in den Jahren 1843 bis 1849 die ersten Turnvereine. Doch erst 1860 nahm der  eigentliche Aufstieg in der Entwicklung des Vereinswesens seinen Anfang. Die  Schwaben Georgi und Kallenberg erließen den historisch gewordenen "Ruf zur  Sammlung", um die überall verstreut tätigen Turnvereine zusammenzufassen. Vom  16. bis 19. Juni feierten die Turner Coburgs das "Erste Deutsche Turn- und  Jugendfest". Die "Deutsche Turnerschaft" wurde gegründet.

 

Von 1860 an war die deutsche  Turnbewegung nicht mehr aufzuhalten und dehnte sich in allen deutschen Gauen  aus. Vor diesem Hintergrund entstanden auch nach und nach die Vereine des  heutigen Turngaues Kempen.

 

Wer war "Turnvater Jahn"  wirklich ?

 

Wenn wir von Jahn sprechen,  haben wir das Bild eines älteren, kahlköpfigen, bärtigen Mannes vor Augen, das  uns überall in den Turnhallen oder in unzähligen Büchern, Broschüren usw.  entgegenblickt - eben das Klischee des "Turnvaters".

 

Nur, Jahn war, als er das Turnen  schuf, kein "Turnopa", sondern ein dynamischer junger Mann von gerade einmal 33  Jahren. Dieser junge Mann ging 1811 mit einem einigen Jugendlichen auf die  Hasenheide bei Berlin und begründete das, was unter dem Begriff "Turnen" in der  Geschichte eingegangen ist. Eine Tat, die unter dem Joch der damals herrschenden  imperialistischen Eroberungsfeldzüge Napoleons und der herrschaftlichen  Feudalpolitik von über 300 Fürsten, Herzögen und Grafen in Deutschland ungeheuer  mutig, ja geradezu revolutionär war.

 

Ihm wurde vorgeworfen, durch  seine Schriften und Ideen "die höchst gefährliche Lehre von der Einheit  Deutschlands" entwickelt und verbreitet zu haben. Von 1819 bis 1840 hat Jahn für  seine Ideen in Haft bzw. unter Polizeiaufsicht gestanden.

 

Es wird höchste Zeit, dass wir  alle uns ein neues, ein richtiges Bild von Jahn machen, einem Mann, dessen Idee  und Lebenswerk noch heute, nach 187 Jahren, besteht und weiter bestehen wird.

 

Wie alt ist unser Turngau  nun eigentlich ?  Nach den uns bisher  vorliegenden Unterlagen läßt sich ein genaues Grünerjahr nicht  ermitteln.

 

1863 wurde nachweislich der  Gladbacher Turnverband gegründet. 1880 feierte der TV Vorst mit  der Teilnahme aller Gau-Vereine sein Stifungsfest - es gab also schon einen  Turngau - vermutlich den Niederrheinischen TG, denn 1881 fand ein Gauturnfest des  Niederrheinischen Turngaues in St. Tönis statt.  1896 wurde ein  Niederrheinischer Grenzturngau gegründet und 1933 wieder  aufgelöst.

 

Es ist anzunehmen, dass diese  beiden Vereinigungen die Vorläufer des heutigen NTVK Kempen sind, wir konnten  bisher aber keine eindeutige Quelle der Bestätigung finden.

 

1933/34 gab es einen  Turnkreis Kempen-Krefeld - im sogenannten 3. Reich als Kreis 2 Gau 10  geführt.

 

Der Turngau in seiner  heutigen Form wurde offensichtlich unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges  (wieder) gegründet, denn der TuS Waldniel richtete 1947 das erste Kreis-Turn- und Sportfest des inzwischen gebildeten Turnkreises Kempen aus.

 

Wenn wir also nach dem  heutigen Informationsstand eine Antwort auf die am Beginn gestellte Frage  "wie alt ist unser Turngau nun eigentlich" geben sollen, können wir
behaupten, dass es wohl schon bald nach Gründung des Turnkreises MÖnchengladbach  im Jahre 1863 ähnliche Bestrebungen im Bereich des heutigen TG-Gebietes gab, die  dann letztlich vor 1880 in die Gründung eines Vorläufers des heutigen Turngaues  Kempen mündeten.

 

Unser Turngau ist demnach über 120 Jahre alt !!!

   

Quellennachweis:  Unterlagen der Vereine TuS Waldniel, TV Lobberich, TSV
Kaldenkirchen, Kempener TV, TuS Oedt Turnerschaft St. Tönis Rheinischer
Turnerbund, RTZ